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Eine Leseprobe aus dem ersten Kapitel findet Ihr hier.

Ein kleines „Walter-Kapitel“ möchte ich Euch nicht vorenthalten

Kapitel 10 – Wehe dem, den die Erkenntnis trifft

„Aaaah, wer ist da?“, ruft Walter erschrocken aus, als er bei Sonnenaufgang jemanden an seinem Zelt rütteln hört. „Ronny?“

„Pssst, schrei nicht so. Das macht die Bache nervös”, flüstert der leise aus seinem Zelt zurück.

„Bache? So nennt man meines Wissens weibliche Wildschweine“, schreit Björn.

„Pssst!“

„Hilfe, jetzt ist sie bei mir!“, kreischt Matti.

„Welche Definition von Pssst ist euch geläufig?“

Totenstille in den Zelten und Grunzen, Quieken und Schaben davor. Dann rüttelt Walters Zelt erneut. Verhalt dich ruhig, alter Freund, nicht bewegen, nicht schreien, nicht durchdrehen, denkt er und schließt die Augen. Er zittert. Vor seinem geistigen Auge sieht er, wie die Bache sein Zelt niedertrampelt und ihn gleich mit. Er sieht die kräftigen Hauer, wie sie sich in seine Beine schlagen und Stücke seines Fleisches herausreißen. Er spürt den Schmerz, sieht das Blut, wie es aus seinen Adern spritzt und ein mörderisches Tier in Blutrausch verfällt und ihn zerfetzt. Schweiß bildet sich auf seiner Stirn. Walter verzieht sich in die hinterste Ecke seiner kleinen Behausung und zieht den Schlafsack über seinen Kopf. So bleibt er regungslos in einer Art Embryonalstellung zusammengekauert.

Ronny öffnet den Reißverschluss des Zeltes. „Hey, alles gut, Walter. Die Bache ist mit ihren Frischlingen weitergezogen. Die waren nur auf dem Durchmarsch und haben ein bisschen den Boden aufgewühlt.“ Ronnys Stimme ist ungewöhnlich sanft, doch Walter rührt sich nicht. „Na, komm schon. Uns geht es allen gut. Komm aus dem Zelt, Walter.“

„Ich bleib drin. Ich werde in diesem wildschweinverseuchten Wald keinen Fuß mehr vor dem anderen setzen. Das ist ja ein Selbstmordkommando hier.“

„Sie haben Helga erwischt!“, schreit Heinz.

„Was? So´n Blödsinn!“ Ronny verlässt Walters Zelt und geht zu Heinz herüber, der völlig fertig vor Helgas Zelteingang ins Leere starrt. „Weg, sie ist einfach verschleppt worden. Ich fass es nicht. Was sind das bloß für Monsterschweine?“

Aus Björns Zelt dringt Kichern. Der Reißverschluss öffnet sich und zwei Köpfe lugen hervor. Matti lacht. „Ich glaub es ja nicht. Da hat Björn so einen Schiss gehabt, dass Helga heldenhaft durch die Wildschweinhorde zu seinem Zelt gelaufen ist, um ihn zu beschützen. Helga, du bist wirklich die Tapferste von uns.“ Er kann sich vor Lachen kaum halten.

Als ihn alle etwas irritiert anschauen, denkt er noch einmal nach, und sein Lachen verstummt. „Du warst schon vorher in dem Zelt, stimmt´s?“

„Genau, Matti, du hast es erfasst. Ich war auch gestern Nacht nicht in meinem Zelt.“

„Du lässt uns dein Zelt aufbauen, obwohl du bei Björn schläfst?“ Heinz ist empört. Dann fällt ihm ein, dass er gestern Abend gar nicht geholfen hat, Helgas Zelt aufzubauen, weil er mit seinem genug zu tun hatte.

„Das ist doch jetzt egal. Viel wichtiger ist, zu erfahren, was dich geritten hat, Helga. Du bist fast zwanzig Jahre älter als Björn. Das geht doch nicht!“ Matti ist fassungslos.

„Sechzehn, Matti, es sind sechzehn Jahre“, raunt Helga und ärgert sich gleichzeitig über ihre Verteidigung.

„Also, sag mal. Ich dachte, du seist etwas moderner veranlagt. Wenn es anders herum wäre, hättest du nichts gesagt. So wie damals bei deinem Vater, als er mit der Frau ankam, die deine Schwester hätte sein können. Das fandst du total cool. Und jetzt bei Helga ist es nicht cool?“ Björn ist sauer, und Matti verteidigt sich: „Das ist was anderes. Bekanntlich wollen Männer und Frauen Familien gründen, und das geht zwar mit einem Mann über fünfzig noch, eine Frau ist dann schon drüber.“

„Drüber? Sag mal, hörst du dich eigentlich reden? Dein Vater ist siebzig und mit einer fünfunddreißigjährigen zusammen.“

„Ja, und? So was gab es in der Bibel schon, ist also völlig normal. Zeig mir mal die Geschichte der alten Frau, die noch mit einem Zwanzigjährigen Kinder gezeugt hat. Na? Die gibt es nicht.“

Helga reißt die Hutschnur: „Ich kann nicht glauben, was für einen Dünnschiss du redest. Ist dir das nicht selbst peinlich, Matti?“

Walter schaut vorsichtig aus seinem Zelt heraus. Weiter traut er sich noch nicht. „Nun beruhig dich mal, Matti. Die beiden sind seit zwei Jahren ein Paar. Die wissen, was sie tun.“

„Wie bitte, das geht seit zwei Jahren schon so, und ihr sagt nichts?“ Heinz ist enttäuscht. Eigentlich hatte er gehofft, dass aus Helga und ihm mal ein Paar wird, wo sie sich doch so rührend um ihn gekümmert hat, als seine Frau letztes Jahr abgehauen ist.

„Ach, Heinz, hätten wir dir das erzählt, wärst du jeden Tag mit einer Stinklaune ins Büro gekommen. Gerade deinetwegen waren wir so vorsichtig. Hab doch immer gesehen, wie du mein Helgalein angestarrt hast. Wie ein verliebter Gockel schleichst du um ihren Schreibtisch herum.“ Björn nimmt Helga in den Arm, um die Beziehung zu ihr zu unterstreichen. Helga wehrt ihn ab. „Das musste nicht sein, Björn.“

„Tschuldigung, Helga, ist mit mir durchgegangen. Die Nerven liegen echt blank an diesem beschissenem Wochenende.“

„Na, na, na, wer streitet denn da?“ Rohbauer kommt hinter einem Baum hervor und grinst. „Herr Stein, wollen Sie nicht langsam aus dem Zelt kommen? Das Abschlussspiel beginnt gleich.“

Die Kollegen starren ihren dickbäuchigen, kurzbeinigen Vorgesetzten im schwarzen Kampfanzug an. Ausgerechnet jetzt muss er hier auftauchen, denken alle. Wenn er den ganzen Streit gehört hat, glaubt er sicherlich, der Kollegenkreis sei komplett zerrüttet. Wir müssen die Lage wieder in den Griff bekommen, überlegt Walter.

„Was ist denn hier los? Wollen Sie mir nicht erzählen, was die Gemüter so erregt hat?“

„Wildschweine. Es ging um eine Bache, die mit ihren Frischlingen durch unser Lager getrampelt ist. Es ist nur eine kleine Panik ausgebrochen. Alles wieder gut“, sagt Ronny in der Hoffnung, das Team dadurch nicht ganz so blöd dastehen zu lassen.

„Ach, das ist dann sicherlich auch der Grund, warum Herr Stein nicht aus dem Zelt kommt. Nur Mut, Herr Stein, kommen Sie. Ich bin ja jetzt da. Ihnen kann nichts passieren.“

Wichser, denkt Walter und kriecht aus dem Zelt heraus. Bei der nächsten Gelegenheit mache ich dich fertig, du Arsch.

„Wenn die Gemüter sich beruhigt haben, können wir mit dem Abschlussprogramm des Abenteuer-Wochenendes beginnen. Ich habe eine Überraschung für Sie. Schauen Sie sich mal um. Na, sehen Sie etwas?“

Alle drehen sich herum, begutachten den Wald, können aber nichts Außergewöhnliches entdecken. Rohbauer pfeift. Die drei Chinesen springen hinter den Bäumen hervor. Alle stecken in einem schwarzen Kampfanzug und tragen eine riesige Waffe vor sich. Das Team erschrickt und rottet sich unwillkürlich zusammen. „Bleibt locker, das sind Paintball-Gewehre. Ich wollte es euch heute Morgen sagen“, flüstert Ronny den anderen zu und hält sich den Finger auf den Mund, damit alle die Ruhe bewahren.

„Herr Ronny, nehmen Sie die Truppe mit zum Jeep, damit sich alle umziehen können? Und ziehen Sie sich bitte auch um. Die Pläne haben sich ein wenig geändert.“

Rudolph Rohbauer zieht aus einem Halfter, den er unter dem Arm trägt, eine Paintball-Pistole …